Früher, als Bilder noch nicht bearbeitet wurden …

Servus und Hallo. Ich möchte heute mit einem Vorurteil aufräumen. Und zwar mit dem Vorurteil, dass früher zu analogen Zeiten keine Bildbearbeitung stattgefunden hat. Der folgende Beitrag aus einer Diskussion heute auf Facebook war für mich der Auslöser für diesen Artikel.

Selbstredend war das nicht die vollständige Diskussion. Aber der Beitrag ist symptomatisch für ein Unverständnis von analoger und digitaler Bildbearbeitung. Die Diskussion ging nach diesem “Auftakt” natürlich noch ein “paar” Runden weiter. Auffällig sind für mich zwei Kernpunkte, die ich aus diesem ersten Beiträgen heraus filtern kann. Ich lese heraus:

1. Heute werden viel zu viele Bilder bearbeitet.
2. Heute verlernen die Leute das Fotografieren, weil nur noch bearbeitet wird.

Das sind für mich die wesentlichen Kritikpunkte. Ich ärgere mich über solche Argumente, weil mir das zu kurz Gedacht erscheint. Und immer wieder klinke ich mich dann in solche Diskussionen ein, versuche in knappen Worten zu formulieren warum ich die Argumente als falsch empfinde und scheitere doch meist wegen knapper Zeit oder weil ich nicht ewig meine Argumente ausformulieren will. Hier möchte ich nun etwas ausführlicher zum Thema schreiben und würde mich freuen, wenn ihr dran bleibt.

Bildbearbeitung gestern und heute

Ein ziemlich verbreiteter Irrglaube ist, dass erst mit der Digitalfotografie die Ära der Bildbearbeitung  angefangen hat. Bilder bearbeiten und modifizierten, das machen Fotografen schon viel, viel länger. Die Technik “Abwedeln und Nachbelichten” (Dodge & Burn) beispielsweise ist ein mächtiges Tool um Bilder eindrucksvoller zu gestalten. D&B ist in Photoshop als fertiges Werkzeug integriert. Aber D&B wurde nicht von Adobe erfunden sondern vor Jahrzehnten in den Dunkelkammern …

Bildbearbeitung gestern (analog)

Nachdem ein Negativ entwickelt ist, muss dieses auf Fotopapier abgezogen werden, damit man schließlich ein Bild in den Händen hält. Die Helligkeit wird beim Abziehen des Bildes über die Dauer der Belichtung gesteuert. Je länger Licht durch das Negativ auf das Fotopapier fällt, desto dunkler wird das Foto. Manche Negative wirken leider recht kontrastarm. Um den Kontrast im Foto zu verbessern, kann man im Labor das Licht beim Abziehen des Fotos einfach mit Farbfiltern verändern. Hierdurch ändern sich die Kontraste auf dem Fotopapier. Das ausbelichtete Foto wirkt so knackiger und kontrastreicher. Auch über das Anwenden verschiedener Entwickler-Bäder kann der Bildkontrast beeinflusst werden.

Wie stark das Fotopapier beim Auftreffen von Licht abdunkelt, bestimmt die sogenannte Gradation. Das ist die Steigung der Schwärzungslinie.  Die Gradation wird über die Wahl des Fotopapiers beeinflusst. Dieses kann man in mehreren Gradationsstufen von weich bis hart erwerben und dann je nach Motiv und Entwicklung auswählen. Verschiedene Gradationskurven, wie man sie z.B. von Photoshop kennt, waren damals quasi per Katalog bestellbar.

Ein weiteres Herausarbeiten von Kontrasten funktioniert in der analogen Entwicklung z.B. über die Technik “Abwedeln und Nachbelichten“. Beim Abwedeln wird Licht in bestimmten Bildbereichen weggenommen, das Bild wirkt hier heller. Dazu wird einfach bei der Belichtung ein Gegenstand zwischen Lichtquelle und Fotopapier gehalten. Der entstehende Schatten auf dem Fotopapier sorgt für eine geringere Schwärzung. Beim Nachbelichten macht man es einfach umgekehrt. Alle uninteressanten Bildteile verdecken und nur einzelne Bildbereiche ganz gezielt belichten. Dadurch wirken diese auf dem fertigen Foto dunkler. Liegen abgewedelte und nachbelichtete Bereiche direkt nebeneinander, erhöht sich der Bildkontrast enorm.

Insbesondere bei Portraits wünscht man sich seit eh und je eine weiche Haut mit angenehmen Hauttönen. Der Farbton in einem Bild wird z.B. über das Fotopapier oder auch mit Hilfe von Filtern im Lichtweg beeinflusst. Ganze Farblooks entstehen im Labor durch verschiedene Filme, Papiere oder durch spezielle Entwicklungstechniken wie der Cross-Entwicklung. Und auch Retusche wurde schon früher ausgiebig betrieben. Haut weichzeichnen? Klar! Schon mal davon gehört, dass Negative mit weichen Bleistiften und Positive mit Farblasuren retuschiert wurden? Nein? Wurde aber tatsächlich so gemacht. Auch zu analogen Zeiten hat man Beauty-Portraits schon glatt gebügelt.

Bildbearbeitung heute

Alles ist ein bisschen komfortabler heute, aber Vieles wird euch an die oben geschilderten analogen Techniken erinnern. Zu den ersten Standardeinstellungen, die in einer Bildbearbeitungssoftware vorgenommen werden, gehört in der Regel die Anpassung von Helligkeit und Kontrast. Hierzu bieten moderne Bildbearbeitungsprogramme Regler an und ermöglichen so bequem das Anpassen dieser Parameter. Um das Bild noch etwas knackiger zu machen, kann man die Gradation verändern. Die Gradationskurve in der Software bestimmt, wie schnell oder langsam in bestimmten Bildbereichen Helligkeitswerte ansteigen, genau wie die verschiedenen Gradationsstufen von verschiedenen Fotopapieren.

Eine beliebte Technik bei Photoshop ist das “Dodge & Burn”, zu dem ihr viele Videoanleitungen und auch Blogartikel finden könnt. Im deutschsprachigen Raum nennt sich die Technik auch Abwedeln und Nachbelichten. Wie ihr euch bestimmt denken könnt ist dies die elektronische Entsprechung zur Methode aus den analogen Fotolabors. Nur werden hier per Software gezielt Bereiche heller oder dunkler gemacht und nicht über die Lichtmenge.

Farbtöne selber lassen sich über Einstellebenen und Regler einstellen. Auch Photoshop und andere Programme haben eine ganze Reihe von Presets an Board, welche Farblooks produzieren die z.B. wirken wie die Cross-Entwicklungen damals zu analogen Zeiten. Nur halt über Farbeinstellungen in der Software und nicht mehr mit Entwicklungsbädern.

Häufig stehen “geshoppte” Bilder in der Kritik wegen weichgezeichneter Haut und Beauty-Retusche. Aber  wie oben erwähnt gibt es das auch schon seit Jahrzehnten in der analogen Variante. Alles digital heute, aber im Wesentlichen nix neues.

Fotomontagen

Einen ganz interessanten Fact gibt es noch zu Fotomontagen. Diese sind keineswegs moderne Erfindungen. Erste halbwegs fotorealistische Montagen wurden schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellt. Aus gestellten Szenen und extra angefertigten Fotos kreierte man Collagen und Montagen, retuschierte die Schnitt- und Randbereiche sowie Bildteile. Als Stichwort nenn ich einfach mal Namen wie George Grosz, John Heartfield (Bildmontagen ab 1916) oder Raoul Hausmann, Hannah Höch sowie Johannes Baader (Bildmontagen ab1918).

Der Weg ist das Ziel?

Meine persönliche Meinung zum Thema ist recht liberal. Und zwar betrachte ich sehr gerne das Resultat, also das fertige Bild. Denn das ist letztlich das worauf es ankommt. Wenn ich zum Essen bei Freunden eingeladen bin, dann freue ich mich über gutes Essen, unabhängig davon ob es in der Pfanne oder im Thermomix gekocht wurde. Der Geschmack und das Zusammensitzen sind das, was letztlich zählt.

Das kann man ein bisschen auf Fotografie und Bildbearbeitung übertragen. Ich finde die vielen Wege um Bildlooks und fertige Bilder zu gestalten sind eine Bereicherung. Die Möglichkeiten, die heute auch Amateuren zur Verfügung stehen, sind eine wahnsinnige Möglichkeit sich und das Hobby zu feiern und Ideen umzusetzen. Ideen, die im Hobbybereich vor einigen Jahrzehnten noch Utopie gewesen wären.

Betrachtet man Fotografie und Bildbearbeitung als zwei Anteile vom Gesamtwerk ist es mir herzlich egal, welcher Anteil an einem guten Bild den Hauptanteil ausmacht. Ich habe höchsten Respekt vor Fotografen, die ein Bild vom Fleck weg so fotografieren können, dass eine Nachbearbeitung nicht notwendig ist. Andererseits habe ich auch höchsten Respekt vor Bildbearbeitern, die aus mittelmäßigen Fotos noch Kunstwerke machen.

Und lustigerweise ist es so, dass oft die Fotografen mit ihren Bildern großen Erfolg haben, die von beiden Welten ein bisschen Verständnis und Know-How haben. Mich wundert das nicht.

Um zum Schluss nochmal die Überschrift aufzugreifen: Früher, als Bilder noch nicht (mit Software) bearbeitet wurden …
… wurde halt anders getrickst 😉

Ihr habt noch 7 Minuten Zeit? Dann empfehle ich euch dieses kurze aber informative Video von ZeitOnline, bei dem eine analoge Bildentwicklerin ihre Sicht der Dinge kurz erklärt. Sehenswert!

Ein Kommentar

  1. Mir fehlt etwas: Als ‘Alter Hase’ (86) habe ich Kontraste über die Filmentwicklungszeiten (Tabellen mit Erfahrungswerten) gesteuert und Farbränder durch zu geringe Flüssigkeitsmengen in der rotierenden Dosenentwicklung (= Unterentwicklung) erzeugt. Wo bleibt dann noch die Zweitbelichtung mittels Farblicht (Folie) vor dem Kleinblitzlicht . . .

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