Der Wert von Fotos, die es schon tausende Male gibt

Gestern beim Warten auf den Weihnachtsmann bin ich über einen interessanten Blog-Artikel von Alex Cooke im englischsprachigen Blog fstoppers.com gestolpert. Es geht um den “Wert” von Fotos, wobei Wert hier eher immateriell zu sehen ist. Als Einstieg dient ein Video des Fotografen und Youtubers Thomas Heaton über seinen Besuch in Namibia. Nach der Beispielbearbeitung an einem Wüstenbild widmet er sich im Video einem Bild aus Deadvlei, einem kargen Tal, umgeben von orangen bis roten Dünen und voller toter Bäume.

Deadvlei? -> https://de.wikipedia.org/wiki/Deadvlei

Deadvlei ist berühmt und beliebt bei Touristen und Landschaftsfotografen. Die surrealen Aufnahmen von toten Bäumen auf bröckeligem Untergrund vor roten Dünen hat fast jeder schon mindestens einmal gesehen. Sowohl auf Fotoseiten also auch in herkömmlichen Medien und Magazinen sind immer mal wieder Bilder aus Deadvlei zu finden. Und hier hat auch die Ernüchterung des Fotografen Thomas Heaton ihren Ursprung.

Fehlende neue Impulse

Thomas Heaton gelang es vor Ort nicht, mit seinen Fotos neue Impulse zu setzten. Jedes Bild kam ihm so vor, als hätte er es schon zig Mal gesehen. Im Resultat ist er mit den Bildern aus Deadvlei nicht wirklich zufrieden, obwohl diese technisch und gestalterisch eigentlich völlig OK sind. Alex Cooke macht daraus direkt die Frage, welchen Wert solche Bilder haben, die nicht in der Lage sind neue Sichtweisen zu schaffen.

Ich finde das ist eine interessante Frage. Immerhin hat wohl jeder Fotograf ein paar Locations auf der Wunschliste, die auf Instagram, Facebook oder 500px schon tausende Male wiedergekäut wurden. Und dank der Verbreitung von Digitalkameras werden es stetig weniger Locations, bei denen man den Eindruck hat, dass sie noch nicht erschöpfend fotografiert wurden.

Was also tun? Erst gar nicht hin fahren? Immerhin beträgt die Anreise manchmal hunderte Kilometer nur für ein paar Fotos! Und während manche Locations und Motive durch unterschiedliche Lichtstimmungen, Himmel und zu verschiedenen Tageszeiten immer wieder neue Eindrücke bieten, gibt es auch solche Motive, die irgendwie immer gleich aussehen.

Vor Ort sein und es besser machen

Ich fahre trotzdem gerne hin und versuche mein Glück! Mir ist es egal, ob ein schönes Motiv noch nie oder schon hunderte Male abgelichtet wurde. Das liegt im Wesentlichen an zwei Dingen. Zum einen kann ich es besser machen als 90% der Bilder, die draußen im Netz kursieren. Oder ich kann es zumindest versuchen. Denn Motive, die massenhaft auf Fotoseiten zu finden sind, werden dort in der Regel in sehr hoher Qualität gezeigt. Damit ist immerhin eine Messlatte gesetzt, auf die ich zielen kann. Und selbst wenn es mir nicht gelingt durch veränderte Standpunkte neue Impulse in der Bildgestaltung zu setzten, so kann ich trotzdem ein fotografisch einwandfreies Bild mit nach Hause bringen.

Der zweite Punkt ist der, dass ich durch einen Besuch vor Ort einfach auch das Motiv erlebt habe. Einen Berg auf einem technisch perfekten Foto eines anderen Fotografen zu betrachten ist das eine. Das andere ist, selber vor dem Berg gestanden zu haben und ihn später auf dem selber angefertigten, technisch perfekten Foto zu betrachten. Für die Netzgemeinde bei Instagram mag das irrelevant sein, für mich als Fotograf nicht.

Alex Cooke wirft unten in seinem im Blogbeitrag die Frage auf, ob dieser zweite Punkt, also das “vor Ort Erleben” ausreicht, um einen Besuch solcher Orte auf sich zu nehmen, wenn in den Resultaten wahrscheinlich keine fotografische Individualität zu erkennen sein wird. Wenn ich von Fotografie lebe (leben muss) und die Fotos verkaufen will, dann kann diese Frage vielleicht berechtigt sein. Wenn man nicht von Fotografie lebt, finde ich die Frage nicht so relevant.

Denn viele dieser Motive lohnen ja einen Ausflug selbst ohne Kamera im Gepäck. Das Titelbild hier für diesen Beitrag zeigt den Teide auf Teneriffa. Auch schon tausendfach fotografiert. Das entwertet für mich das Bild aber in keinster Weise. Immer wenn ich dieses Bild betrachte habe ich die Erinnerung präsent, wie ich um die Kurve gefahren bin, diese Lichtstimmung gesehen und quasi ‘ne Vollbremsung hin gelegt habe um dann mein Stativ am Straßenrand aufzubauen. Das ist für mich der “Mehrwert”, der an so einem Foto hängt.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.