Low-Budget: Indoor Portraits mit Blitz

Für gute Blitzlicht-Portraits auf engem Raum ist kein allzu teures Equipment oder gar ein Fotostudio notwendig. Ob der Tipp hier aber noch unter “Low-Budget” fällt ist sicherlich Ansichtssache. Dennoch, für knapp über hundert Euro kannst du dir schon Equipment zulegen, mit dem du relativ einfach vernünftige Portraits fotografieren kannst. Hierzu nötig sind lediglich einen externer Blitz, sowie ein Lampenstativ mit einem Faltreflekor. Im Idealfall existiert die Möglichkeit, den Blitz per Funk entfesselt auslösen zu können.

Die Ausgangssituation

Das ist Uschi. Uschi fristet ihr Dasein beim mir im Hobbyzimmer und muss immer dann herhalten, wenn ich Lichtsetups oder neue Lichtformer ausprobieren möchte. Sehr praktisch, da man so das Setup fertig haben kann, bevor das eigentliche Modell da ist.

So, oben siehst du die Ausgangssituation. Ein Raum mit Dachschräge, Decke weiß, Wände weiß mit Raufaser, nix Ungewöhnliches. Den Fotohintergrund hinten habe ich vorher weg genommen, da ich mit einer schlichten, weißen Wand als Hintergrund arbeiten wollte.

Die Ausgangssituation selber ist also so gewöhnlich, dass sich entsprechende, ähnliche Stellen in vielen Wohnungen und Eigenheimen finden lassen sollten.

Ein Aufsteckblitz – der portable Allrounder

Ganz egal ob deine Kamera einen internen Blitzt besitzt oder nicht, die Anschaffung eines Aufsteckblitzes lohnt in jedem Fall. Für die Bilder in diesem Artikel verwende ich ein Einsteiger-Set der Günstig-Marke “Neewer”. Ich verwende den Neewer NW985C.

Der Blitz, den ich seinerzeit gekauft habe, ist über Amazon nicht mehr zu bekommen. Ähnliche Sets mit Blitz und Funk-Triggern um entfesselt blitzen zu können sind aber nach wie vor verfügbar. Mehr dazu am Ende des Artikels. Die generelle Verarbeitungsqualität eines solchen, günstigen Blitzes ist selbstredend nicht auf dem Niveau teurerer Markenprodukte, jedoch hat mich der Blitz noch nie verlassen und tut, was er soll. Und das bisher ohne jegliche Beanstandung. Angesichts des günstigen Preises für ein solches Set und die Möglichkeiten, die man damit bei Blitzen bekommt, mein persönlicher Preis- Leistungstipp. Die Blitze sowie die Sets gibt es für Canon wie für Nikon und ich glaube auch schon Sony-Sets gesehen zu haben.

Frontales, direktes Blitzen

Dann also erst einmal drauf mit dem Blitz auf den Blitzschuh. Die Kamera hab ich in den M-Modus gesetzt und die Verschlusszeit auf 1/160 Sekunde gestellt. Bei Blende f/5 fotografiert und frontal geblitzt, gibt dies folgendes Bild von der Uschi.

Dieses Bild ist eher nicht zu empfehlen, ich würde es als “totgeblitzt” bezeichnen. Das ist genau das was in der Regel passiert, wenn der Blitz frontal auf gerader Linie mit der Blickrichtung des Objektivs auf das Ziel trifft. Die Ausleuchtung an sich ist zwar gut, ein schöner Schattenwurf fehlt aber wegen der direkten Lichtrichtung völlig. Vor allem am Arm und im Bereich der Augen und Nase fehlen fast jegliche Schatten, auch der Kinnschatten ist nur als harte, schwarze Linie erkennbar. Das sollte besser gehen …

Indirektes Blitzen

Indirektes Blitzen ist in Räumen eine gute Möglichkeit um das Licht schräg einfallen zu lassen. Beim indirekten Blitzen wird quasi eine Wand oder Decke als “Bande” genommen und vom Blitz angeleuchtet. Das von Decke oder Wand reflektierte Licht trifft dann auf das Motiv. Im 45° Winkel an die Decke geblitzt, wirkt das Bild schon ganz anders, wie das folgende Beispiel dazu zeigt:

Auffällig sind hier mehrere Dinge. Zum einen sind die Helligkeitsverläufe im Bild nun schöner augesprägt. Auf den Wangen sind so etwas wie leichte Schatten vorhanden. Das Bild an sich wirkt weicher, weil das Licht über die weiße Zimmerdecke gestreut wird. Die Decke wirkt als “Diffusor” und sorgt für diesen weichen Effekt. Durch den schrägen Einfall des Lichts wirkt das Bild gesamt stimmiger. Die weiße Wand im Hintergrund ist ebenfalls etwas dunkler, weil sie durch den schrägen Lichteinfall weniger Licht erhält als beim frontalen Blitzen. Das alles sind Dinge, die dem Bild gut tun.

Negativ ist, dass zum einen unterhalb der Augen nun deutliche Schatten zu erkennen sind. Die Augen sollten aber bei einem Portrait nicht völlig abgeschattet sein. Zum anderen wirft auch die Nase durch den Lichteinfall von oben nur einen Schatten direkt unter der Nase aber nicht seitlich davon und wirkt so immer noch irgendwie “flach”. Dies wollen wir als nächstes ändern.

Indirektes Blitzen über die seitliche Wand

Für das folgende Bild hab ich den Blitzkopf des Aufsteckblitzes ca. 45° nach links und ganz leicht nach oben gedreht. Angeblitzt wird also die linke Wand, etwas über der Kopfhöhe von Uschi. Damit trenne ich die Lichtrichtung wieder von der Blickrichtung des Objektivs, nutze die Wand als Diffusor und erreiche einen leicht schrägen Einfallswinkel, der mehr Schattenspiel im Gesicht zur Folge hat:

Der vormals gerade Schattenwurf unter der Nase ist nun nicht mehr vorhanden. Das Licht kommt von links und erzeugt schräge Schattenwürfe im Gesicht. Das Licht ist immer noch sehr weich und damit auch die Schatten selber, die Augen sind ein wenig besser zu erkennen. Um diese noch besser erkennbar zu machen werden wir das Modell nun mithilfe eines Reflektors ein wenig von rechts aufhellen.

Faltreflektor mit Stativ

Ein Faltreflektor ist drinnen wie draußen eine echt hilfreiche Sache, wenn man vorhandenes oder künstliches Licht “lenken” will. Im Beispiel hier möchte ich den Reflektor nutzen, um die Schatten im Gesicht von Uschi von rechts ein wenig aufzuhellen. Hierzu kann man recht günstig Faltreflektoren, Lampenstative und Reflektorhalter erwerben, die in solchen Home-Shootings eine gute Hilfe sind.

Aufgestellt auf der rechten Seite von Uschi (von Fotografenseite aus), sorgt der Reflektor als “Fill” dafür, dass die eh schon weichen Schatten ein bisschen heller werden.

Dabei ist der Reflektor tiefer als das Gesicht und wirft wie auf dem Bild zu erkennen das Licht schräg von unten in die Schatten hinein. Der Effekt lässt sich durch einen Vergleich der Bilder mit und ohne Reflektor gut erkennen. Das folgende, linke Bild entstand ohne Aufheller, nur durch das Anblitzen der Wand. Das rechte Bild nutzt den Effekt des zusätzlichen Reflektors:

Die Schatten im Hals/Kinn-Bereich und vor allem die Schatten in den Augen sind so viel weniger ausgeprägt. Damit haben wir nur mit einem Aufsteckblitz und einen Reflektor in einer normalen Zimmerumgebung ein wirklich gutes Resultat für ein schnelles Portrait erhalten. Stativ und Reflektorhalter lassen sich oft noch durch Freunde oder Verwandschaft erstsetzen 🙂

Option: Entfesseltes Blitzen

Einfache Funkauslöser sind recht günstig zu haben und können für Portraits sehr lohnende Helferlein sein. Nachfolgend hab ich das Portrait-Setup ein wenig verändert. Weiterhin im Einsatz ist der Reflektor, der von schräg unten die Schatten im Gesicht aufhellt.

Den Aufsteckblitz habe ich von der Kamera runter genommen und dafür ein Funkauslöser-Set auf Kamera und am Blitz befestigt. Ich hab mich wieder entschieden, die wirkliche Low-Budget Lösung zu gehen und anstatt ein weiteres Stativ zu nutzen, halte ich den Blitz einfach im ausgestreckten, linken Arm.

Ich blitzte nun auch nicht mehr indirekt. Da ist entfesselt blitze, brauche ich keine Wand mehr als Hilfe um die Lichtrichtung zu ändern.  Für das folgende Bild halte ich den Blitz also am linken, ausgestreckten Arm und blitze Uschi von links oben schräg an. Der Reflektor hellt die Schatten von rechts unten auf. Durch die nun direkte Art zu blitzen bekommt der Hintergrund noch etwas weniger Licht ab und wirkt deshalb noch ein bisschen dunkler als auf den vorherigen Aufnahmen.

Für ca. 100€ Einsatzkapital (wenn man die Verwandtschaft zum Halten des Faltreflektors abstellt und günstige Akkus verwendet) ist das ein meiner Meinung nach super Ergebnis für ein Portrait mit nur einem Blitz und einem Aufheller.

Lieber kreativ werden als ziellos einkaufen

Im Netz finden sich massig fertige Lichtsetups und Anleitungen für Portraits mit 2-3 Studioblitzen im Fotostudio mit Hintergrundsystem, dazu verschiedene Lichtformer und, und, und. Aber es muss nicht so kompliziert und nicht so kostspielig werden. Gerade, wen du nur ganz selten und sporadisch Portraits von Freunden und Familie aufnimmst oder einfach auch nicht bereit bist so viel Geld für Lichttechnik zu investieren ist der kluge Einsatz von 1-2 entfesselten Aufsteckblitzen oft schon alles was es braucht. Selbst mit nur einem Aufsteckblitz und der klugen Einbeziehung der Räumlichkeiten lassen sich gute Ergebnisse erzielen.

Was habe ich für diesen Artikel verwendet?

Geblitzt wurde mit einem günstigen Neewer Blitz-Set für Canon inkl. Funnkauslöser und Eneloop Akkus. Die Funkauslöser gibt es auch einzeln, wenn schon ein Aufsteckblitz vorhanden ist. (Vorsicht: in den günstigen Varianten unterstützen diese kein TTL oder HSS, auch wenn der Blitz selber TTL und HSS kann).

Als Faltreflektor habe ich einen günstigen 5-in-1 Refelktor in 60cm verwendet. Die Teile bekommt man auf Fotomessen hinterhergeschmissen oder halt günstig auf Amazon. Luxusvarianten wie die von Sunbounce sind qualitativ natürlich ‘ne ganz andere Nummer, spannen den Reflektorstoff viel gleichmäßiger, kosten dafür aber auch ein Vielfaches.

Zum Halten des Reflektors habe ich dann noch ein standard Lampenstativ inkl. eines Reflektorhalters verwendet. Für Indoor-Fotos reicht das dicke aus, jedoch nicht für den Außeneinsatz. Hier wirft es Lampenstative mit montierten Reflektoren bei fast jeder Windbö um. Für den Außeneinsatz ist robusteres Stativmaterial notwendig.

IIch hoffe der Artikel macht Mut, auch mit nur einem Aufsteckblitzt in der Fototasche mal was in Richtung “geblitzter Portraits” zu versuchen. Wenn ja, dann viel Spaß beim probieren!

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